Hausarbeit: Aufwind für entwicklungspolitische NGO in Deutschland?


Universität Heidelberg
Institut für Politische Wissenschaft
Thema: Aufwind für entwicklungspolitische NGO in Deutschland?
Proseminar: Einführung in die internationalen Beziehungen
Sommersemester 1997
Dozent: Michael Windfuhr
Autor: Mathias Wieland, Hölderlinstr. 4, 69469 Weinheim
Studiengang: Mathematik / Politikwissenschaft (Staatsexamen)
2. Fachsemester



 
 

Inhalt



I. Einleitung

Die NGO (Non-governmental Organizations) sind zu einem bedeutsamen Faktor in der internationalen Politik geworden. Aus den Medien sind meist nur einige wenige dieser Organisationen namentlich bekannt. So hat Greenpeace mit Aktionen zur Rettung der Wale oder bei den französischen Atomtests im Pazifik für großes Aufsehen in der Presse gesorgt. Ein weiteres Beispiel für eine NGO ist Amnesty International. Weltweit registriert sie Menschenrechtsverletzungen und fordert Grundrechte für alle Menschen ein. NGO sind zum Gesprächsthema in den Medien geworden.
Von der Medienpräsenz zur politischen Einflußnahme ist es aber noch ein großer Schritt. Aber auch auf diesem Gebiet hat sich einiges getan. NGO haben durchaus Einfluß auf die große Weltpolitik. Sie dürfen zwar nicht direkt mitreden, aber durch viel idealistisches Engagement und subversive Diplomatie können sie doch einiges bewegen. Seit dem Klima-Gipfel in Rio de Janeiro gab es neben jeder großen UN-Konferenz ein Forum der NGO. Viele NGO haben schon solche Expertenstäbe, daß sich die Vereinten Nationen bei schwierigen Fragen an die Kompetenzen der NGO wenden (vgl. Wernicke 1995a: 5).
Um sich dem Thema zu nähern, muß geklärt werden, was unter einer NGO zu verstehen ist. Wie allein der Bezeichnung Nicht-Regierungsorganisation schon zu entnehmen ist, gehören Zusammenschlüsse diesen Typs nicht der Staatssphäre an. Es sind also Organisationen, die nicht über »regierungsamtliche Ressourcen und Sanktionsfähigkeiten verfügen« (Glagow 1990: 164). Mehr als diese Negation von Staatstätigkeit gibt aber der Begriff an sich nicht her.
Wenn dies aber die einzige Voraussetzung für eine NGO sein würde, dann würden auch die Durchführungsorganisationen der staatlichen Entwicklungshilfe wie die GTZ, KfW oder DSE (siehe Anhang) Nicht-Regierungsorganisationen sein. Denn diese sind als GmbH, Stiftung oder Verein organisiert (ebd.). Solche Institutionen werden als Quangos (Quasi-Non-non-governmental organizations) bezeichnet, weil sie zwar privatrechtlich organisiert, aber dennoch eng mit dem Staat verflochten sind (ebd.).
Der Name NGO läßt weiterhin offen, ob auch profitorientierte Organisationen dieses Kürzel benutzen dürfen. Aufschluß darüber gibt die im anglo-amerikanischen übliche Bezeichnung Non-Profit Organization (vgl. Nuscheler 1995: 498). Also sind den NGO keinesfalls Konzerne oder Banken zuzurechnen, die vielleicht in der dritten Welt ihre Geschäfte abwickeln.
Die NGO gehören also weder der Staats- noch der Marktsphäre an. Sie sind eine dritte Kraft zwischen Markt und Staat.
In dieser Arbeit soll es speziell um entwicklungspolitische NGO gehen. Diese Organisationen sind zwar vielleicht nicht ganz so bekannt wie Greenpeace & Co., aber sie leisten Enormes. So erreichen die NGO nach Schätzungen des UNDP ca. 250 Millionen Menschen in der dritten Welt (vgl. Wernicke 1995b: 9). Entwicklungspolitische NGO erhalten weltweit über 4 Milliarden Dollar jährlich für ihre Arbeit. Das entspricht 8% der weltweit vergebenen Entwicklungshilfe (vgl. Michler 1991: 501). Die Zahl der entwicklungspolitischen Nord-NGO wird auf 3.000 geschätzt (vgl. Wernicke 1995b: 9).
Weltweit besitzen entwicklungspolitische NGO also große Bedeutung. Gegenstand dieser Arbeit sollen speziell deutsche entwicklungspolitische Nicht-Regierungsorganisationen sein.
In dieser Hausarbeit sollen die Struktur, die Probleme und Perspektiven der deutschen entwicklungspolitischen Nicht-Regierungsorganisationen behandelt werden. Dabei geht es am Anfang um die Stärken und Schwächen der NGO und ihre Klassifizierung. Dann um die Probleme durch ihre Struktur, mit der Spendenabhängigkeit, bei der Zusammenarbeit mit dem Staat und in den Entwicklungsländern. Am Schluß werden Herausforderungen bzw. Lösungsansätze für die Arbeit der deutschen NRO formuliert.

II. Die Lage der entwicklungspolitischen NGO in der BRD

1. NGO - die besseren Entwicklungshelfer?

Ein Fakt ist der gute Ruf der NGO in der Öffentlichkeit. Namen wie Brot für die Welt oder Terre des Homme sind Markenzeichen guter Entwicklungshilfe. Die Ursachen für dieses positive Image könnte einmal eine Schwäche der Entwicklungspolitik der Bundesregierung sein. Sie könnte aber auch als Stärke der Nicht-Regierungsorganisationen interpretiert werden.
Die zahlreichen Spenden an die NGO (siehe: Finanzen S. 7) drücken eine gewisse Unzufriedenheit mit der staatlichen Entwicklungspolitik aus. Eine Ursache für die »öffentliche Misere in der Entwicklungspolitik«[1] ist wohl im Wahlsystem zu suchen. Erfolge bei entwicklungspolitischen Maßnahmen werden erst nach mehreren Wahlperioden sichtbar und sind so für die »aktuelle Politik ohne Belang« (ebd.). Mit hungernden Menschen, die Tausende von Kilometern weg leben, ist kaum politischer Druck zu erzeugen. Das einzige was bleibt ist der Appell an die Moral bzw. den Humanismus der Wähler.
Staatliche Entwicklungszusammenarbeit setzt zu sehr auf prestigeträchtige Großprojekte, die der einheimischen Industrie dicke Aufträge verschaffen. Dies hilft aber den Menschen in de dritten Welt herzlich wenig:
»Die NRO bauen keine Häfen, Autobahnen oder Staudämme, sondern arbeiten in ländlichen Entwicklungsprojekten für die Bauern im Busch, errichten Gesundheitsdienste, Schulen, Lehrlingswerkstätten, Kooperativen in den Slums der Städte.«(Michler 1991: 501)
Die Devise der nicht-staatlichen Träger ist »Lieber Millionen von kleinen Projekten als wenige Millionenprojekte« (Wernicke 1995b: 10).
Ein Nachteil bei vielen kleinen Projekten ist, daß die Evaluation (Kontrolle des Ergebnisses) in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Die NGO genießen hier einen gewissen Vertrauensvorschuß bei der Bevölkerung, so daß bis jetzt nicht so viel Wert auf Kontrolle gelegt wurde. Dies könnte sich aber auch als Fehler erweisen. Der Staat besitzt hier ungleich bessere Voraussetzungen. Er hat die qualifizierten Experten, die die Evaluation durchführen können und die nötigen Informationskanäle, um die Ergebnisse auch medienwirksam darstellen zu können.
Ein weiterer Vorteil ist, daß die NGO regierungsunabhängig in den Ländern des Südens arbeiten kann. NGO verhandeln nicht mit Regierungsvertretern im Entwicklungsland, sondern ihre Partner sind »vielmehr die direkten Repräsentanten der Armen: Dorfbürgermeister, Genossenschaftsvorsitzende, Gewerkschafter« (Michler 1991: 501). Durch diese persönlichen Kontakte und durch langjährige Erfahrung erreicht die Hilfe die Notleidenden meist unmittelbarer als jene der staatlichen Geber.
Der größte Vorteil der NGO ist wohl der Umstand, daß sie zum größten Teil von ehrenamtlichen Kräften (geschätzt sind ca. 100.000[2]) getragen werden. Diese bringen Idealismus in die Hilfe ein. Sind also höher motiviert und natürlich ungleicht preiswerter, als die Mitarbeiter der staatlichen Durchführungsorganisationen (vgl. Nuscheler 1995: 503).

2. Kleiner Überblick über die deutschen NGO

Einen Überblick über die vielen deutschen NGO zu geben hört sich vielleicht erst einmal einfach an. Nur bei der Fülle der Organisationen fällt die Klassifizierung schwer. Dies zeigt dafür aber, daß die NGO-Landschaft sehr pluralistisch aufgebaut ist. Ein Überblick kann also immer nur skizzenhaft bleiben. Es wäre auch reine Sisyphusarbeit, jede örtliche Dritte-Welt-Initiative irgendwo einordnen zu wollen.
Zu den deutschen entwicklungspolitischen NGO gehören (vgl. Nuscheler 1995: 500):
* Kirchliche Hilfswerke unterschiedlicher Größe mit teilweise großen Apparaten und über 100 Mio. DM Jahresetat; sehr bekannt sind hier vielleicht Miserior und Brot für die Welt
* die parteinahen Stiftungen mit großen Entwicklungsabteilungen, als da wären die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Hanns-Seidel-Stiftung und die Stiftung Regenbogen
* verschiedenartige Stiftungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen, wie die Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF), die Kübel-Stiftung oder die Stiftung Nord-Süd-Brücken oder die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)
* deutsche Sektionen internationaler NGO, wie z.B. Care, die Deutsche Welthungerhilfe oder Worldvision
* stark in der Solidaritätsbewegung verankerte und politisch engagierte Organisationen wie Terre des Hommes, Medico International oder der Weltfriedensdienst, die nicht nur vor Ort helfen, sondern auch versuchen die politischen Rahmenbedingungen zu ändern
* »Honoratioren-NRO«[3] (vgl. Glagow 1990: 168-170), die von bestimmten Prominenten unterstützt werden, z.B. Menschen für Menschen (Karlheinz Böhm), Andheri-Hilfe (um Rosi Gollmann) und das Komitee Notärzte (um Rupert Neudeck)
* sehr viele Kleinorganisationen (meist Dritte-Welt-Gruppen) mit starkem ehrenamtlichen Engagement
Diese stark differenzierte Einteilung läßt auf eine Vielzahl von Organisationen schließen. Die Zahlen sind natürlich abhängig von der Definition einer Nicht-Regierungsorganisation. So zählt Manfred Glagow ca. 100 NGO in der BRD, die auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe arbeiten. Hierbei sind die Missionstätigkeiten der Kirchen und die zahlreichen Kinderhilfsinitiativen mitgerechnet (vgl. Glagow 1990: 161). Franz Nuscheler geht von ca. 250 bundesweit tätigen NGO aus. Hierbei setzt er eine Organisation mit minimalem hauptamtlichen Personal voraus (vgl. Nuscheler 1995: 500).

3. Probleme der NGO

Der Gründungskonsens einer NGO beruht meist auf bestimmten humanistischen oder ethischen Werten. Diese Werte sind von Organisation zu Organisation natürlich unterschiedlich. Es gibt kirchliche wie weltliche Zusammenhänge, sozialistisch wie konservativ geprägte NGO. Das Spektrum reicht hierbei von Nahrungsmittelhilfe für Namibia bis hin zur Alphabetisierung Zentralafrikas.
Jedenfalls gibt es Ziele, die die Mitglieder einer Nicht-Regierungsorganisation vereinen. Für diese Zielsetzungen versuchen die NGO Unterstützung bei der Bevölkerung zu finden. Dies geschieht meist mit Spendenaufrufen bzw. Mitgliederwerbung. Aber auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) unterstützt teilweise Projekte von NGO.
Die Aufgabe einer NGO ist nun, dieses ihr zugeflossene Geld in konkrete Hilfe im Entwicklungsland umzuwandeln. Dabei obliegt ihr die Verantwortung unterstützungswürdige Vorhaben zu finden und diese auch umzusetzen (vgl. Glagow 1990: 166). Dabei wird hauptsächlich mit NGO vor Ort kooperiert, weil der Weg über staatliche Stellen, meist zu bürokratisch ist und die Leute an der Basis meist besser wissen, was getan werden muß.
Andererseits muß die NGO konkrete Ergebnisse im »Geberland« präsentieren, damit wieder neue Spenden fließen. Sie muß also ihre Projekte auf ihre Wirkung hin überprüfen und die hoffentlich positiven Ergebnisse dann auch mediengerecht der deutschen Öffentlichkeit präsentieren. Das bringt sie in »permanenten Legitimationszwang« (Glagow 1990: 167).
Eine zusätzliche Aufgabe, die sich viele NGO gestellt haben, ist nicht nur Not- und Katastrophenhilfe zu leisten - das heißt die Wirkung einer verfehlten Dritte-Welt-Politik zu bekämpfen. Sondern sie wollen auch als Anwalt der dritten Welt in den Industriestaaten auftreten und so die Ursachen für Hunger und Unterentwicklung angehen (vgl. Michler 1991: 502). Dazu zählt unter anderem eine Änderung der Schuldenpolitik der OECD-Länder gegenüber der dritten Welt. Diese NGO wollen eine »Entwicklungslobby« für die Länder des Südens bilden (vgl. Nuscheler 1995: 504).

Finanzen der NGO

Jede NGO finanziert sich zum größten Teil durch Spenden. Diese Abhängigkeit von Spenden führt dazu, daß sich die verschiedenen Hilfsorganisationen auf dem Spendenmarkt als Konkurrenten gegenüberstehen. Jede versucht natürlich für ihre Projekte Unterstützung zu bekommen. Dies birgt aber die Gefahr, daß NGO bei der Auswahl zu sehr auf Projekte setzen, die viele Spenden einbringen. Es kann aber sein, daß ein weniger öffentlichkeitswirksames Projekt den Menschen vor Ort mehr bringen würde.
Wieviel Spenden deutsche NGO eigentlich bekommen, ist natürlich wegen ihrer Vielzahl und Vielfalt schwer einzuschätzen, aber es gibt ein paar Quellen die einen groben Überblick gewähren.
»So stand in den letzten Jahren den NRO ein finanzielles Volumen von fast einer Milliarde DM per annum zur Verfügung. [...] Im Vergleich zu den staatlichen Mitteln aus dem Bundeshaushalt in Höhe von knapp sechs Milliarden DM in den letzten Jahren ist die eine Milliarde der NRO, freiwillig aus der Gesellschaft übertragen, ein beachtenswertes Faktum.« (Glagow 1990: 165)
Laut dem Deutschen Spendenbarometer geht die Spendenfreudigkeit der Bundesbürger eher zurück, zumindest was die Entwicklungspolitik betrifft. 75% der Spenden der Gesamtsumme von insgesamt 10 Milliarden DM bleiben im Inland. Der Spendenanteil für Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe in den Jahren 1994-1995 von 23% auf 19% (vgl. Deutsches Spendenbarometer 1994/1995). Und dieser negative Trend läßt sich auch bis zum Jahr 2000 prognostizieren (vgl. Deutsches Spendenbarometer 1995: 1).

Grafik: Mathias Wieland vgl. Deutsches Spendenbarometer (1996)

Die Zusammenarbeit zwischen Staat und NGO

Viele NGO bekommen Zuschüsse vom Staat für ihre Entwicklungsvorhaben. 1996 bekamen laut BMZ nicht-staatliche Träger 813 Mio. DM (BMZ 1996: 1). Vor 10 Jahren waren dies noch 505 Mio. DM (BMZ 1987: 11). Dies zeugt von der gewachsenen Anerkennung der NGO auch von staatlicher Seite aus. Die Bundesregierung sieht die Vorteile der NGO vor allem darin, daß sie »benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den Ländern der Dritten Welt besonders gut erreichen« (BMZ 1987: 4).
Das BMZ gewährt diese großzügigen Beihilfen natürlich nicht ohne Hintergedanken.
Durch das positive Ansehen der Hilfen nicht-staatlichen Träger in der Öffentlichkeit, bekommt so auch indirekt die staatliche Entwicklungspolitik ein besseres Image. So unterstützen die NGO über Umwege staatliche Politik. Damit haben aber viele Hilfsorganisationen große Probleme, weil sie von jeher die staatliche Entwicklungspolitik kritisiert haben. Für Organisationen die sich zu sehr von staatlichen Geldern abhängig machen, droht die Gefahr, daß sie zu Gongos (Governmental-organised NGO) verkommen.
Diese Projektbeihilfen des BMZ sind aber nicht unbedingt nur negativ zu bewerten. Denn viele Organisationen lassen sich trotz staatlichen Zuschüssen nicht nehmen, die Entwicklungspolitik der Bundesregierung zu kritisieren. Außerdem gibt es eine gemeinsames Interesse von BMZ und NGO, nämlich das Ansehen der Entwicklungshilfe in der Öffentlichkeit zu stärken (vgl. Nuscheler 1995: 504).
Die zunehmende Professionalisierung der NGO hat zur Folge, daß ganze Arbeitsbereiche, die vorher zum staatlichen Aufgabenbereich zählten, nun von NGO übernommen werden. Die NGO-Wohlfahrt darf aber nicht den Staat aus seiner sozialen Verantwortung entlassen. Hier werden NGO zu Lückenbüßern an den Stellen, wo sich der Staat bereits aus der Entwicklungszusammenarbeit zurückgezogen hat (vgl. Wernicke 1996: 14). Eine der Herausforderungen an NGO ist nun sich auf ihre Kernaufgaben zu besinnen und den Staat an seine entwicklungspolitische Verantwortung zu erinnern (siehe: Mehr oder weniger Kooperation mit dem Staat? S. 10).

Probleme in den Entwicklungsländern

Um in der dritten Welt helfen zu können, muß die NGO zwangsläufig mit Läuten vor Ort zusammenarbeiten. Dies sind in den meisten Fällen ebenfalls NGO des jeweiligen Landes.
Ein Problem hierbei ist, daß in vielen Ländern, besonders in Afrika, kaum organisierte nichtstaatliche Strukturen vorhanden sind, mit denen eine Zusammenarbeit möglich wäre. Die Ursache ist zumeist in der kolonialen Vergangenheit des Landes zu suchen. Die ehemalige Kolonialmacht hatte aus Angst vor Aufständen jegliche Selbstorganisation in staatliche Hände gelegt. Diese Strukturen wirken bis in die heutige Zeit hinein. Viele Regierungen haben heute Angst diesen staatlichen Einfluß zu verlieren und dadurch politische Destabilisierung und Separatismus zu riskieren (vgl. Glagow 1992: 4).
Wenn in den Entwicklungsländern Strukturen vorhanden sind, so läuft die Zusammenarbeit meist sehr gut. Eine Gefahr besteht jedoch darin, daß sich NGO des Südens zu sehr von bestimmten Geldgebern aus dem Norden abhängig machen. So können neue Abhängigkeitsverhältnisse entstehen. Es gibt teilweise NGO speziell im religiösen Bereich, die sich nur nach der Nachfrage der Organisationen aus dem Norden richten. So kann keine Verankerung der Süd-NGO bei der einheimischen Bevölkerung erreicht werden. Vor allem würde sich diese Entwicklungszusammenarbeit dann kein Stück von den staatlichen Hilfen unterscheiden.

4. Herausforderungen an die NGO

Viele NGO wollen sich nicht nur auf die Linderung der schlimmsten Not beschränken. Sie wollen außerdem auch die politischen Rahmenbedingungen ändern, die zum größten Teil von den Industriestaaten bestimmt werden. Wenn sich aber die NGO als Entwicklungslobby für die Staaten der dritten Welt organisieren wollen, müssen sie miteinander kooperieren. Dies ist bisher zumindest in Deutschland noch nicht ausreichend geschehen (vgl. Nuscheler 1995: 505).
Es gibt aber schon verschiedene Ansätze. So haben sich 29 größere Hilfswerke zum Bensheimer Kreis zusammengeschlossen. Weiterhin organisieren sich 20 nicht-kirchliche NGO in der Arbeitsgemeinschaft privater Entwicklungsdienste. Diesen lockeren Interessengemeinschaften geht es aber eher nur darum, eine bessere Verhandlungsposition gegenüber dem staatlichen Zuschußgeber zu haben.
Ein weiterer Ansatz ist der Bundeskongreß entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO). Er bietet ein gemeinsames Diskussions- und Aktionsforum, das schon erfolgreich gemeinsame Kampagnen organisiert hat. So z.B. Aktionen gegen Futtermittelimporte und IWF-Auflagen (vgl. Nuscheler 1995: 505).
Ein Zusammenschluß der schon relativ gute Arbeit leistet ist Germanwatch. Er hat sich schon erfolgreich als Lobbygruppe auf der Bonner Bühne etabliert. Die Arbeitsfähigkeit dieser Gruppe ist deshalb so effektiv, weil nicht die NGO selbst Mitglied darin sind, sondern nur einzelne Repräsentanten (vgl. Glagow 1992: 7). Diese können weitergehende Kompromisse eingehen, aber auch schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren.
Aber all das reicht noch nicht, um sich in der BRD als erfolgreiche Entwicklungslobby zu organisieren.
Wenn die deutschen entwicklungspolitischen NGO ihr Druckpotential erhöhen wollen, müssen sie erstens zu kompetenten Gesprächspartnern werden. Dies läßt sich bei starker Spezialisierung auch mit ehrenamtlichen Kräften organisieren. Zweitens müssen sie auch Kompromisse untereinander eingehen können, sonst ist keine sinnvolle Zusammenarbeit möglich. Auch Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Gruppen sind nötig, um den Status einer Randgruppe zu verlieren und wahlwirksamen Druck zu erzeugen.
Dazu ist wiederum auch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit nötig. Die Öffentlichkeit will natürlich auch Erfolge ihrer freiwilligen Spenden sehen. Den NGO muß es deshalb gelingen eine Evaluation ihrer Projekte durchzuführen. Der Staat hat hierfür ungleich bessere Voraussetzungen. Am besten wäre es, wenn Kriterien für die Qualität entwicklungspolitischer Maßnahmen erarbeitet würden (vgl. Post 1997: 161).
Dies wäre zum Beispiel eine Aufgabe für einen NGO-Dachverband. Immer wieder hat es Versuche gegeben solch ein handlungsfähiges NGO-Netzwerk aufzubauen. Ein neuer Versuch wurde am 19.12.1995 mit der Gründung des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher NRO (VENRO) gewagt. Was daraus wird, ist noch nicht abzusehen, aber den Versuch ist es wert (Wernicke 1995c: 18).

III. Perspektiven der deutschen NGO

1. Mehr oder weniger Kooperation mit dem Staat?

Wie im Abschnitt »Die Zusammenarbeit zwischen Staat und NGO« schon angerissen, müssen sich die NGO überlegen wie weit die entwicklungspolitische Kooperation mit der Regierung gehen soll.
Einerseits besteht die Gefahr, daß sich die NGO zu sehr von staatlichen Zuschüssen abhängig machen. Wenn sie nun die staatliche Entwicklungshilfe angreifen, müssen sie mit Kürzungen rechnen. Also bremst diese Abhängigkeit die kritische Innovation der nicht-staatlichen Träger (vgl. Michler 1991: 504).
Die NGO übernehmen immer mehr Aufgaben, die vorher der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit überlassen waren. Dies hat für die Regierung den Vorteil, daß sie das positive Image der NGO ausnutzt und auch nicht mit Kritik von nicht-staatlicher Seite rechnen muß (vgl. Post 1997: 161). Ein Beispiel dafür wäre die Not- und Katastrophenhilfe. Hier hat sich der Staat schon aus seiner Verantwortung zurückgezogen und das Feld weitgehend den privaten Hilfswerken überlassen (vgl. Wernicke 1996: 14). Die NGO müssen aufpassen, daß sie nicht zum Lückenbüßer für staatliche Mängel in der Entwicklungspolitik werden. Der Staat sollte sich vielmehr darauf konzentrieren, daß die Regierungs- und Verwaltungsseite in den Entwicklungsländern in der Lage ist, ihre Aufgaben kompetent zu erfüllen. Die NGO dagegen sollen sich auf ihre Kernaufgaben besinnen und den Staat in seine entwicklungspolitische Verantwortung zwingen (vgl. Post 1997: 160).
Andererseits ist es auch nur legitim, daß der Staat den NGO einen Teil der Entwicklungshilfegelder zufließen läßt. Denn eine NGO bietet doch zahlreiche Vorteile (vgl. Abschnitt: NGO - die besseren Entwicklungshelfer?) gegenüber den staatlichen Hilfen. Es wäre nur legitim, daß sich der Anteil der staatlichen Gelder erhöhen würde, der über deutsche NGO in den Süden fließt (vgl. Wernicke 1995c: 18).
Eine eindeutige Antwort gibt auf die Frage nach mehr Kooperation oder nicht, gibt es wahrscheinlich nicht. Aber ein starker Dachverband könnte die Position der deutschen NGO doch erheblich stärken.

2. Aufschwung für die deutschen NGO?

Die NGO genießen nach wie vor ein sehr gutes Ansehen bei der interessierten Öffentlichkeit, vor allem bei den Spendern. Nicht-Regierungsorganisation sind ein nicht mehr wegzudenkender Faktor in der deutschen Entwicklungspolitik. Selbst die Bundesregierung kann nicht mehr an ihnen vorbei Politik machen.
Der Spendentrend ist leicht rückläufig und die Prognosen bestätigen diesen. Diese negative Entwicklung ließe sich höchstwahrscheinlich stoppen, wenn die NGO ihre neuen Herausforderungen ernst nehmen würden.
Dazu gehört erst einmal, daß sie sich auf ihre Stärken besinnen und nicht Aufgaben des Staates mit übernehmen. Dies könnte sonst zu einer Privatisierung der Entwicklungshilfe führen. Sie sollten aber auch nicht auf die staatlichen Zuschüsse verzichten.
Die von ihnen durchgeführten Projekte müssen auf ihren Erfolg hin untersucht werden und dies auch publik gemacht werden. Die Medien und die Öffentlichkeit könnten so wieder mehr für die Entwicklungshilfe gewonnen werden. Andererseits besteht die Gefahr des Vertrauensverlustes der NGO in der Bevölkerung.
Durch mehr Kooperation untereinander könnte mehr Druck auf die Regierung ausgeübt werden und damit eine wirkungsvolle Entwicklungslobby für die Dritte Welt geschaffen werden. Die NGO sollten diese Herausforderungen ernst nehmen, damit das schon einmal Erreichte nicht leichtfertig verspielt wird.

IV. Literatur



V. Anhang


Abkürzungen

BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
DSE Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung
EZ Entwicklungszusammenarbeit
GTZ Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau
UNDP United Nations Development Program


[1] Klüver, Reymer: Die öffentliche Misere in der Entwicklungspolitik, in: Süddeutsche Zeitung. München. 22.3.1997
[2] vgl. Glagow, Manfred 1992: 165
[3] Glagow unterscheidet »Soziale-Bewegungs-NRO«, »Organisations-NRO« und »Honoratioren-NRO«




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Zuletzt geändert: Februar 1999 von Mathias Wieland.